FAQ – Frequently Asked Questions

Welche Voraussetzungen müssen für die alternierende Obhut erfüllt sein?

Unter alternierender Obhut versteht man die abwechselnde Betreuung eines Kindes durch beide Elternteile – sei dies im Wechselmodell, bei welchem sich das Kind alternierend beim einen oder anderen Elternteil aufhält, oder im Nestmodell, wo das Kind von den Eltern abwechselnd in der gemeinsamen Wohnung betreut wird.

Auch wenn die gemeinsame elterliche Sorge nunmehr die Regel ist (Art. 296 Abs. 2 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, ZGB) und grundsätzlich das Recht einschliesst, den Aufenthaltsort des Kindes zu bestimmen (Art. 301a Abs. 1 ZGB), geht damit nicht notwendigerweise die Errichtung einer alternierenden Obhut einher. Gemäss dem am 1. Januar 2017 in Kraft getretenen revidierten Kindesunterhaltsrechts muss bei einem Scheidungs- oder Trennungsfall die zuständige Behörde (Gericht oder Kindesschutzbehörde (KESB)) im Sinne des Kindeswohls die Möglichkeit einer alternierenden Obhut prüfen, sofern ein Elternteil oder das Kind dies verlangt.

Unter den Kriterien, auf die es bei dieser Beurteilung ankommt, ist zunächst die Erziehungsfähigkeit der Eltern hervorzuheben, und zwar in dem Sinne, dass die alternierende Obhut grundsätzlich nur dann in Frage kommt, wenn beide Eltern erziehungsfähig sind. Erziehungsfähigkeit bedeutet die «Bereitschaft und Fähigkeit der Eltern, die Kinder persönlich zu betreuen und zu pflegen, auf deren Bedürfnis nach harmonischer Entfaltung einzugehen und die hierfür notwendige Stabilität zu bieten».

Weiter erfordert die alternierende Obhut organisatorische Massnahmen und gegenseitige Informationen. Insofern setzt die praktische Umsetzung einer alternierenden Betreuung voraus, dass die Eltern fähig und bereit sind, in den Kinderbelangen miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren (BGer, 29.09.2016, 5A_991/2015). Die Kommunikation zwischen den Eltern kann auch bloss schriftlich erfolgen. Es steht einer alternierenden Obhut auch nicht entgegen, wenn die Eltern zur gemeinsamen Entscheidfindung über die Kinderbelange auf die Vermittlung einer Drittperson angewiesen sind (BGer, 13.11.2020, 5A_629/2019).

Zu berücksichtigen ist ferner die geographische Situation, namentlich die Distanz zwischen den Wohnungen der beiden Eltern, und die Stabilität, welche die Weiterführung der bisherigen Regelung für das Kind gegebenenfalls mit sich bringt. In diesem Sinne fällt die alternierende Obhut eher in Betracht, wenn die Eltern das Kind schon vor ihrer Trennung abwechselnd betreuten. Laut Bundesgericht ist diejenige Betreuungslösung zu wählen, die für das Kind die notwendige Stabilität der Beziehungen gewährleistet. Die vorstehenden Kriterien sind jedoch je nach Alter des Kindes unterschiedlich zu gewichten. Die Kriterien der Stabilität und zeitlichen Ressourcen sind für ein Kleinkind sehr relevant, während für Jugendliche das Kriterium der geografischen Distanz aufgrund des sozialen Umfeldes von grosser Bedeutung ist.

Weitere zu berücksichtigende Gesichtspunkte sind die Möglichkeit der Eltern, das Kind persönlich zu betreuen, das Alter des Kindes und der Wunsch des Kindes. Die Möglichkeit der Eltern, das Kind persönlich zu betreuen, spielt hauptsächlich dann eine Rolle, wenn spezifische Bedürfnisse des Kindes eine persönliche Betreuung notwendig erscheinen lassen oder wenn ein Elternteil selbst in den Randzeiten (morgens, abends und an den Wochenenden) nicht bzw. kaum zur Verfügung stünde; ansonsten ist von der Gleichwertigkeit von Eigen- und Fremdbetreuung auszugehen.

Sind die vorstehenden Voraussetzungen erfüllt, so wird die alternierende Obhut auf Antrag eines Elternteils oder des Kindes angeordnet.

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